Wer glaubt, Friseurberatung habe schon immer so funktioniert wie heute, war vermutlich nie in den Achtzigern oder Neunzigern beim Friseur. Klar gab es Kundenwünsche und Vorbilder, aber der Ablauf…
Die Achtziger: „Volumen!“
Die Beratung war simpel: „Modern?“ „Ja.“ „Volumen?“ „YEEESSS!“ „Haubensträhnchen?“ „Natürlich!“
Dann kamen Rundbürste, Föhn, Festiger und Haarspray. Viel Haarspray. So viel, dass die Frisur notfalls auch einen Orkan überstanden hätte. Je größer die Frisur, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich freiwillig wieder löst. Und mal ehrlich: keiner sah aus wie Limahl …
Die Neunziger: „Bitte weniger!“
Plötzlich war Volumen peinlich. Die Haare sollten natürlich aussehen – also exakt so, als hätte man 45 Minuten lang daran gearbeitet, zufällig auszusehen. Oder Mittelscheitel und Gel. Sehr viel Gel. Köpfe glänzten, als hätten sie eine persönliche Beziehung zu Pudding. Blocksträhnen und Scrunchizöpfe, Space Girl trifft Blümchen.
Die Zweitausender: „Ich habe ein Foto dabei.“
Jetzt wurde die Beratung konkreter. Meistens in Form eines ausgeschnittenen Jennifer-Aniston-Fotos.
„So möchte ich es.“
„Sie haben aber eine andere Haarstruktur.“
„Ja. Aber können Sie es trotzdem so machen?“
Dazu kamen Strähnchen in allen erdenklichen Blondvarianten. Hauptsache „natürlich“ (also nach Möglichkeit fünf Farbtöne gleichzeitig).
Heute: „Ich habe ein Pinterest-Board.“
Heute kommt niemand mehr mit einem einzelnen Foto. Es sind 147 Bilder, fünf TikToks und ein Pinterest-Board.
„Ich möchte diesen Wolf Cut, diese Farbe, aber etwas wärmer, weniger blond, nicht zu wild und bitte pflegeleicht.“
Der Friseur lächelt. Innerlich schreit er vermutlich nach Hilfe.
Dafür ist die Beratung heute so präzise wie nie: Gesichtsform, Haarstruktur, Wirbel, Fallrichtung, Lebensstil und Pflegeaufwand werden berücksichtigt. Dazu kommen Balayage, Glossing, Face-Framing, Curtain Bangs und digitale Farbsimulationen. Eine gute Beratung braucht ihre Zeit und die hat ihren Preis.
Früher hieß es: „Das wird ungefähr so aussehen.“
Heute kann man es sich vorher anzeigen lassen.
Was sich nicht verändert hat:
„Wie viel darf ab?“
„Nicht viel.“
Und genau hier zeigt sich die wahre Königsdisziplin des Friseurhandwerks: Nicht Haare schneiden. Sondern herausfinden, was „nur die Spitzen, aber bitte deutlich anders“ eigentlich bedeutet.
Friseure sind Stylisten, Psychologen, Dolmetscher, Farbchemiker und manchmal Zeitreisende.
Die Technik hat sich verändert. Die Wünsche auch.
Nur die Angst vor zu viel Abschneiden ist zeitlos 😉
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